GAG155: Trofim Lyssenko und der Lyssenkoismus in der Sowjetunion


Wir springen etwa 100 Jahre zurück in die Sowjetunion und beschäftigen uns mit Trofim Denissowitsch Lyssenko und dem nach ihm benannten Lyssenkoismus. Der Agrarwissenschaftler entwickelt in den 1930er Jahren ein pseudowissenschaftliches Konzept, angelehnt an den Neo-Lamarckismus. Er vertrat aber nicht nur die Ansicht, dass Pflanzen Eigenschaften, die sie im Laufe ihres Lebens erworben haben, vererben können, sondern lehnte Mutation und Selektion gänzlich ab und negierte die Existenz von Genen als unsozialistisch und deshalb falsch.

Allerdings gelingt es Lyssenko, Stalin von seinen Ideen zu überzeugen und so steigt sein Einfluss, bis der Lyssenkoismus nicht nur als alleinige Lehrmeinung festgeschrieben wurde, sondern die Genetik überhaupt als faschistische und bourgeoise Wissenschaft diskreditiert wurde und zahlreiche Forscher verfolgt wurden und ihre Stellen verloren. Und während der Lyssenkoismus viele Jahre als überwunden galt, lässt sich in letzter Zeit ein Neo-Lyssenkoismus beobachten.

Lysenko with Stalin

Vielen Dank an Georgy Levit, der uns für diese Episode als Experte zur Verfügung stand und Co-Autor eines Beitrags über das Erstarken des Lyssenkoismus in der Sowjetunion ist: Edouard I. Kolchinsky, Ulrich Kutschera, Uwe Hossfeld, and Georgy S. Levit: Russia’s new Lysenkoism, Current Biology, Volume 27, Issue 19, R1042-R1047.

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8 Antworten auf „GAG155: Trofim Lyssenko und der Lyssenkoismus in der Sowjetunion“

Als ich in den 1950er-Jahren in Plauen(Vogtland) zur Oberschule ging, mußten wir in dem Fach Biologie die “Vererbung erworbenen Eigenschaften” nach den russischen “Wissenschaftlern” Mitschurin und Lyssenko kennenlernen. Nach deren Prinzipien hat man auf Regierungsbeschluß in der Landwirtschaft Rinderaufzucht in sog. “Offenställen” (auch in Wintermonaten) betrieben, was schließlich zur Folge hatte, daß viele Tiere starben. Daraufhin hat man dann die Ställe mit Fenstern versehen und das “Experiment” abgebrochen.

Zeitsprung gefällt mir. Dass aber Ihr als Macher ausschließlich Übereinstimmung mit aktuellem Wissenschafts-Stand(ard) ausweisen müsst (d.h. Monsanto-Würstchen und Bayer-Kartoffeln als der Aufklärungsweisheit letzten Schluß darstellt) finde ich bedauerlich. Auch hättet ihr Haber nicht bloß als Nobelpreisträger vorstellen sollen (ZS157) sondern auch als Miterfinder des Chlorgases, der Mann war also auch Mit-Massenmörder. Stalin hatte seinen Lyssenko (ohne Experimente), Hitler hat den westlichen Wissenschaftern die KZ’s für Experimente geöffnet, die sie ohne diesen Rückhalt nie durchführen hätten können.
Ich vermute, daß in einigen Jahrzehnten ein Rückblick auf unsere naturwissenschaftlich indoktrinierte Zeit (in der jede mögliche Alternative unter dem Machtwort der wissenschaftlichen Unbeweisbarkeit ausradiert wird) bei Denkenden bloß Kopfschütteln erzeugen wird……….

Ihr macht einen fantastischen Podcast den ich Durchsuchte seit ich Euch entdeckt habe. Bitte weiter so.
Den Ausflug in die Politik mit der kurz gehaltenen und mutmaßlichen Kritik an den Grünen fand ich nicht so doll.
Themenvorschlag: die Gründungsmythen von politischen Parteien.

VG
Christian

Schade, dass ich meinen ersten Kommentar hier mit einer währschaften Schelte beginne: Die Anti GMO Bewegung mit Pseudowissenschaften wie dem Lyssenkosimus verglichen wird ist aber wirklich eins zu viel! Es ist doch etwas fundamental anderes, wenn wissenschaftliche Forschung ohne oder mit gefälschten Ergebnissen nur zu Propagandazwecken und rein ideologisch unterhalten wird, oder wenn man eine ganz neue Wissenschaft anzweifelt, welche eine unglaubliche monetäre Macht besitzt, noch überhaupt nicht genügend erforscht ist und ethisch absolut skrpellos daher kommt (Monsanto et al.)! Ganz im Gegenteil werden hier globale Ökosysteme als wissenschaftliche Experimente missbraucht, ohne nur ansatzweise eine Ahnung zu haben, welche Langzeitfolgen dieser Eingriff auf ein jahrtausende altes ökologisches Gleichgewicht haben wird. Bitte seid nicht so pauschal! Ich bin auch wissenschaftsgläubig, aber wenn die Wissenschaft mit dem Kapitalismus Ehe hält ist das meiner Ansicht nach fast gleich gefährlich, wie wenn sie sich von einem autokratischen Staat einspannend lässt.

Servus Fabian,
gleich den ersten Kommentar kritisch ausfallen zu lassen, find ich sogar sehr gut!

Und, ich versteh’, dass du den Vergleich als ein bisschen zu hart siehst, war er wahrscheinlich auch (ich muss ehrlich sagen, dass ich nachhören müsste, was genau ich gesagt habe).

Grundsätzlich ist’s aber tatsächlich so, dass die Art und Weise wie Gentechnik, vor allem im DACH-Raum diskutiert wird, oft eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Thematik vermissen lässt.

Gerade die Panik, die schon früh diesbezüglich einsetzte, dadurch Gentechnik, zb in Österreich gleich mal via Parlament verteufelte (und zu großen Teilen auch verbot), sorgte dafür, dass nie tatsächlich über Gefahren und Nutzen diskutiert wurde. Dadurch wurde das Thema einerseits völlig unhinterfragt in die Hände einerseits diverser NGOs, andererseits in die Hände der großen Konzerne gegeben, die sie natürlich entsprechend verwerteten, ohne sich ernsthaften Diskussionen stellen zu müssen (sondern etst spät, als die entsprechende Monopolstellung schon existierte). Mehr als zwanzig Jahre Diskussionssperre einer Thematik hinterlässt eben Spuren, sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch im grundsätzlichen Verständnis.

Ich denk, gerade die unhinterfragte Ablehnung der Gentechnik hat überhaupt erst diese Hegemonie der großen Konzerne möglich gemacht, gefüttert durch Horrorszenarien die viele NGOs gern mal verbreiten, die sich bei näherem Hinsehen aber oft als genau das herausstellen: Horrorszenarien.

Eventuell gibt’s ja mal eine eigene Folge dazu 🙂

Liebe Grüße,
Richard

Ein ganz wunderbarer Beitrag! Ich bin vor Kurzem ganz zufällig über Mitschurin gestolpert (der wohl auch Lyssenko diese Flausen in den Kopf gesetzt hat), da ich eine Sorbus ‘Grananatnaja’ in den Garten gepflanzt habe. Im Katalog der namhaften NÖ Baumschule (nur in der Printausgabe) wurde die Pflanze als Erguss des russischen Züchters gelobt. Ich war dann doch erstaunt, als ich die Wahrheit über ihn gelesen habe. Wie es auch in der Episode über die spanische Grippe thematisiert wurde, ist es wohl doch öfter so, dass Wissenschaftler (echte und eingebildete) hin und wieder durch falsche Experimente die richtigen Rückschlüsse ziehen, ohne den tatsächlichen Zusammenhang zu kennen. So haben auch – sagen wirs, wies ist – Verrückte wie Mitschurin und Lyssenko schon mal was getroffen, die alte Sorte die noch immer im Handel ist, sei ein Beweis. Aber das Leid, das diese Leute sehenden Auges anrichteten, ist eine Tatsache. Muss an diese Geschichte denken, wenn ich mit viel Zucker die sauren Beeren meiner Granatnaja zu doch leckerer Marmelade einkoche…

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