GAG113: Die Hep-Hep-Unruhen von 1819

Wir springen diesmal in die Zeit kurz nach dem Wiener Kongress: 1819 wird mit den Karlsbader Beschlüssen ein großes staatliches Überwachungspaket verabschiedet, auf das heute noch manchmal Bezug genommen wird, wenn von Metternich 2.0 die Rede ist. Fürst von Metternich war während der Phase der Restauration (vom Wiener Kongress 1815 bis zur Märzrevolution 1848) einer der federführenden Politiker.

Als Auslöser für die Karlsbader Beschlüsse gilt die Ermordung von August von Kotzebue. Ein unmittelbarer Grund für die Durchsetzung des Überwachungspakets ist erstaunlicherweise weniger bekannt: die Hep-Hep-Unruhen oder Hep-Hep-Krawalle – die ersten überregionalen antisemitischen Verfolgungen seit dem Mittelalter.

Die Idee zu der Episode haben wir diesem Tweet von Christoph Pallaske (segu-Geschichte) zu verdanken:

Als Experte hat uns in dieser Episode Prof. Werner Bergmann unterstützt, emeritierter Professor vom Zentrum für Antisemitismus-Forschung an der TU Berlin. Vielen Dank!

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10 Replies to “GAG113: Die Hep-Hep-Unruhen von 1819”

  1. M. Knauf

    Zur Interpretation der Karlsbader Beschlüsse: Ohne, daß ich jetzt einen Beleg hätte, halte ich die Begründungen wie den Kotzebue- Mord und den Hep- Hep- Aufstand für vorgeschoben: es ging ja nicht um den Schutz der Öffentlichkeit, sondern um den zukünftigen Macht- Erhalt von Monarchien und die Unterdrückung demokratischer Bewegungen.
    Wenn ich das aber bei Wikipedia richtig gelesen habe, haben die Ausschreitungen in Würzburg ursprünglich auch einen politischen Hintergrund:
    Würzburg war demnach bis 1814 selbständiges Fürstentum und Provinzhauptstadt und fiel nun dem Staat Bayern zu und verlor damit seine Autonomie- zudem mußte es auch den bayerischen Judenedikt übernehmen, der ihnen rechtliche Gleichstellung und Zuzug in Würzburg erlaubte, so daß die jüdische Gemeinde 1819 schon auf 400 Menschen angewachsen war.
    Der in Wikipedia zitierte Drohbrief bringt Juden und den bayerischen Staat direkt in Verbindung: „Der Jude als nächster Verwandter der bayerischen Finanzkammer darf im ganzen Königreich (…. )“
    Außerdem nennt Wikipedia als Reizfigur den jüdische Bankier Josef Hirsch, der seit 1803 in Würzburg gewesen sei und im Auftrag der bayerischen Regierung Geschäfte getätigt habe. Dazu gehörte auch der Ankauf säkularisierten Kircheneigentums, was in der erzkatholischen Bischofsresidenz Würzburg sicher nicht gern gelitten war.
    Ausschreitungen gegen Minderheiten sind eben- meiner Ansicht nach- doch nur feige Attentate auf die schwächsten Glieder der Gesellschaft, in denen sich die Unzufriedenheit von Bevölkerungsteilen mit Politik und Wirtschaft austoben. (Noch besser zu sehen am: Fettmilch- Aufstand, ebenfalls Wikipedia)
    Danke für Eure Zeitsprünge! Weiter so!

  2. Isa Zimmerer

    Vielen Dank für diese Folge. Mir waren diese Aufstände zwar tatsächlich schon mal zu Ohr gekommen, jedoch nicht in dieser Ausführlichkeit.
    Auch wenn ich die Einschätzung teile, dass diese Aufstände noch nicht der systematische Ideologie des Antisemitismus Ende des 19. JH. folgen, sehe ich in ihnen doch einen Aspekt, welcher sie von den mittelalterlichen Progromen unterscheiden. Im MA waren religiöse Motive wesentlich präsenter als in den Hepp-Hepp-Auständen. In diesen tritt die Gefühlte wirtschaftliche, gesellschaftliche, intellektuelle und kulturelle Bedrohung eines „ganzen“ gesellschaftlichem Milieus zu Tage. Ihr habt in der Folge gesagt, dass die Aufständler aus dem unteren Bürgertum kamen. Dieses hat es im MA so noch nicht gegeben.
    Deswegen würde ich behaupten, dass diese Aufstände schon ein Brückenelement zwischen ma Progromen und dem systematischen Antisemitismus darstellen.

  3. Laurie

    Danke für diese schöne Folge.
    Ich hatte auch weder in der Schule noch danach je von den Hep-Hep Unruhen gehört, bis ich vor wenigen Wochen in Hamburg über Guidemates den Audioguide „Jungfernstieg historisch“ von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg gehört habe.
    Im Nachhinein frage ich mich, ob Daniel vielleicht was mit der Produktion zu tun hatte? So oder so, es war auf jeden Fall schön, das neue Wissen gleich vertiefen zu können!

    • Svenja

      Es gibt noch einen größeren Kontext, der nur randomisiert angesprochen wurde:
      Napoleons Besetzung/ Hegemonie hat beginnende nationale Strömungen dieser besetzten Gebiete verstärkt, was gerade für den späteren deutschen Nationalismus und Antisemitismus prägend war aus folgenden Gründen: Trotzdem die Besatzungsmacht Frankreich moderne Strukturen wie die Gesetzgebung (code napoléon) gefördert hat konnte nicht ausbleiben, dass die Besatzung an sich durch die damit einhergehende Fremdbestimmung, den Ressourcenverbrauch und die Ausbeutung schnell verteufelt wurde. Das führte in bestimmten Gesellschaftsschichten zu einer kategorischen Ablehung und auch zu dem Willen sich klar abzugrenzen von allem typisch französischen, dazu gehörten eben auch die französischen intellektuellen „Importe“ wie Liberalismus und Demokratie. Dadurch erst wurden im deutschen Nationalismus Werte hervorgehoben wie Sittlichkeit, Übung von Tugenden wie Treue, Tapferkeit, Frömmigkeit als typisch deutsche Eigenschaften, die mit der „deutschen“ Blutlinie in Verbindung gebracht wurden. Daraus hervorgegangen ist eine Nationalbewegung, die eben keine politischen Visionen hatte wie z.B. die Gleichstellung der Bürger eines Staates, sondern bloß Visionen über die Eigenschaften dieser Bürger, um sich als nationales Kollektiv wahrnehmen zu können. Somit existierte kein gemeinschaftliches politisches Ziel als Ventil für Unzufriedenheit und Handelsdruck, was wiederum Aggressivität befördert(e) in vielen erdenklichen Auaprägungen und leider eben auch die Aggressivität gegen „nicht-blut-Deutsche“.

      Nachzulesen im Buch „Antisemitismus in Deutschland – Zur Aktualität eines Vorurteils“, eine Gemeinschaftsarbeit verschiedener Gelehrter u.a. des Instituts für Antisemitismusforschung der TU Berlin und mit Quellenverweisen auf ein Buch von Herrn Bergmann, der in diesem Podcast einen Beitrag geleistet hat.

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Seit sieben Jahren erzählen sich die Historiker Daniel Meßner und Richard Hemmer Woche für Woche eine Geschichte aus der Geschichte. Das Besondere daran: der eine weiß nie, was der andere ihm erzählen wird. Dabei geht es um vergessene Ereignisse, außergewöhnliche Persönlichkeiten und überraschende Zusammenhänge der Geschichte aus allen Epochen.

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