GAG571: Die Katastrophe von Kamarina und die erste Flotte Roms
Wir springen in dieser Folge ins Jahr 255 vdZw. Eine riesige römische Flotte zerschellt in diesem Sommer an der Südküste Siziliens. Wir sprechen darüber, wie Rom überhaupt zu einer solchen Flotte kam, was katastrophale Rückschläge für das antike Rom grundsätzlich bedeuteten und wie sehr wir eigentlich den Angaben antiker Autoren trauen dürfen.
Erwähnte Folgen
- GAG435: Die Schlacht bei Carrhae – https://gadg.fm/435
- GAG393: Die Schlacht von Zama – https://gadg.fm/393
- GAG406: Die SMS Wolf und die Piraten des Kaisers – https://gadg.fm/406
Literatur
- Goldsworthy, Adrian: The Fall of Carthage: The Punic Wars 265–146 BC. London: Cassell, 2003.
- Lazenby, J. F.: The First Punic War: A Military History. London/New York: Routledge, 1996.
- Moore, Daniel Walker: „Learning from Experience: Polybius and the Progress of Rome“. In: The Classical Quarterly 67/1 (2017), S. 132–148.
- Steinby, Christa: Rome versus Carthage: The War at Sea. Barnsley: Pen & Sword Maritime, 2014.
- Walbank, F. W.: A Historical Commentary on Polybius. Volume I: Commentary on Books I–VI. Oxford: Clarendon Press, 1957.
Das Episodenbild zeigt eine Darstellung der Schlacht von Eknomos aus dem 18. Jahrhundert.
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Als Althistoriker und Wissenschaftskommunikator freue mich immer, wenn es eine Folge zur Antike gibt. Wie bestellt hatte die Süddeutsche gerade einen Artikel zur Seemacht Rom draußen (leider Paywall): https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wissen/rom-seefahrt-schiffe-mittelmeer-legionen-wirtschaft-e667889/?reduced=true
Darin wird auch klar, worin die kleine Schwäche von Richards Darstellung liegt: zu nah an Polybios und den Historikern, die ihm folgen. Christoph Schäfer, der als Althistoriker die Uni Trier zum vielleicht sogar weltweit führenden Zentrum für Forschung zur antiken Fluss- und Seefahrt gemacht hat, erklärt im SZ-Artikel, dass Polybios Rom absichtlich als reine Landmacht darstellt, damit der Sieg über Karthago zur See noch größer wirkt. Dabei waren die Römer schon zuvor herausragende Seefahrer, nicht zuletzt, weil sie aus dem etruskischen Kulturkreis kamen.
Gleiches gilt für die Enterbrücke „Corvus“, deren Existenz Richard mir etwas zu unkritisch hinnimmt. Dabei gibt es gewichtige Stimmen in der Forschung, die gute Argumente dafür haben, dass die genauso eine Erfindung von Polybios war. Die wichtigsten nennt Richard selbst: die Schiffe würden unmanövrierbar, nur Polybios erwähnt sie, sie verschwinden unmittelbar nach dem 1. Punischen Krieg aus der Überlieferung, archäologische Belege gibt es keine.
In Deimos, Zeitschrift für Antike Militärgeschichte, ist 2025 erst ein wissenschaftlicher Aufsatz von Peter Freiherr von Danckelman (https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/deimos/article/view/110404) dazu erschienen, hier das Fazit:
The Corvus serves a clear role in the maritime rags-to-riches narrative of Polybios.
Its deployment, however, is inconsistent with available iconographic evidence of 4th
century BC to 1st century AD warships. The prow stems of both Carthaginian and
Roman vessels would have greatly inhibited the use of the Corvus in prow-on-prow
ramming actions. For side-to-side boarding-actions, the Corvus would not have served a purpose that could not have been achieved more easily and effectively via the deployment of grappling hooks. It’s only use could have been a boarding action after a Roman ship had scored a ram strike against the side of a Carthaginian vessel – the opposite of the use described by Polybios.
Polybios hat der Meinung des Autors nach den Corvus erfunden, um den Sieg des plebejischen Konsuls Duilius zu schmälern. Der wirkte nämlich damit Gnaeus Cornelius Scipio deutlich überlegen, der selbst ein schwere Niederlage gegen Karthago kassiert hatte. Weil Polybios eng mit den Scipionen verbunden war, erfand er den Corvus, um die technische Neuerung und nicht das Geschick des Kommandanten als Grund für den Sieg zu haben.
Ansonsten aber top Folge! Auch die letzten Wochen habt ihr immer wieder richtig abgeliefert. Freue mich auf das neue Buch!
Lieber Simon, vielen Dank für dein schönes Feedback! Kleines Geständnis: Der Hinweis auf die Zweifel an der Existenz des Corvus stand tatsächlich in meinem Skript und ist dann Schere zum Opfer gefallen. Meine Abwägung war, dass die Fiktionsthese dann doch eher eine Minderheitsposition ist. Die Mehrheit der Forschung (Wallinga, Lazenby, Goldsworthy, Steinby) geht ja weiterhin von der Existenz aus, und selbst Steinby, auf die sich ja auch von Danckelman stützt, verwirft den Corvus nicht komplett, sie stuft „nur“ seine Bedeutung runter. Dass Polybios die römische Seefahrts-Unerfahrenheit für sein Narrativ ziemlich übertreibt, das hab ich ja erwähnt (aber wahrscheinlich mit ein bisserl zu wenig Nachdruck).
Generell find ich den ikonographischen Ansatz im von Danckelmanntext schon sehr gut, aber die Erklärung, dass Polybios den Corvus erfand, um den Sieg von Duilius zu schmälern ist halt leider auch unbeweisbar.
Für mich persönlich ist der Steinby Standpunkt der vertretbarste: Der Corvus hat existiert, war aber nur ein Werkzeug von mehreren, und wurde von Polybios für sein Narrativ ziemlich überhöht (aus welchen Gründen auch immer). Die im Dinckelmanntext zu Beginn einfach verworfenen Argumente (mehr Erfahrung der Römer, Karthager haben dazugelernt, etc) halt ich tatsächlich für stimmiger als seine Fiktionsthese.
Auf jeden Fall wahnsinnig spannend wie das auch heute noch diskutiert wird, und ich habs in der Folge ja auch angesprochen: beinahe über alles, über das ich gesprochen wird, scheiden sich heute noch die Geister haha
Ich denke, die Fiktionsthese ist schlüssig, weil sie als einzige erklärt, warum Polybios unsere einzige Quelle bleibt. Bei Mangel an schriftlichen Quellen hilft außerdem die experimentelle Archäologie. Es gibt zum Corvus zwar keinen 1:1-Versuch im Nachbau, aber ich schätze die von Danckelmann erwähnten Tests mit der Olympias (die zugegeben kein ganz korrekter Nachbau ist) und vor allem die Einschätzung von Christoph Schäfer, der Erfahrung als Segler und im Nachbau antiker Schiffe hat, als starke Argumente ein. Und um wie Wallinga den Corvus einfach ganz umzukonstruieren, muss man Polybios schon fast noch mehr verbiegen, als wenn man ihm eine völlige Fiktion unterstellt.
Lieber Simon, ich bin bei dir, was die experimentelle Archäologie zeigt, hat schon Hand und Fuß. Aber das Wallingaargument lässt sich halt auch umdrehen: vielleicht musste Wallinga umkonstruieren, um plausibel zu machen, was ein Historiker hundert Jahre nach dem Einsatz eines solchen Geräts zu seiner Konstruktion geschrieben hat. Und dass wir den Corvus generell anzweifeln, nur weil Polybios der Einzige ist, der darüber schrieb, würd, wenn wir das weiterdenken, natürlich auch bedeuten müssen, dass wir alles, was wir NUR von ihm wissen, auch eventuell als komplett erfunden betrachten müssten (zugegeben, von Dinckelmann schreckt davor in einer Fußnote seines Textes über die Schlacht von Mylae ja auch nicht zurück).
Genau so können wir natürlich auch die Erkenntnisse der experimentellen Archäologie umkehren: Sie könnten, statt eine Fiktion zu belegen, auch aussagen, dass dieses Gerät so wenig versatil, so teuer in der Handhabung und schlussendlich auch mehr Behinderung als Hilfe war, dass es aus genau dem Grund so schnell verschwand, wie es gekommen war. Das würde weiterhin das Steinbyargument der narrativen Überbewertung unterstützen, gleichzeitig auch erklären, weshalb wir nach dem 1. Punischen Krieg nie wieder davon gehört haben (abgesehen davon, dass der Mangel an schriftlichen Quellen zu dieser Periode ja ein grundsätzliches Problem ist).
Lieber Richard, wenn wir die lange Liste der Mängel des Corvus anerkennen, fällt es mir einfach schwer zu glauben, die Römer hätten das Gerät entweder ungetestet eingesetzt oder getestet und sich trotz aller Probleme beim Manövrieren dafür entschieden. Vielleicht bringt uns die Archäologie ja irgendwann mal eine Antwort. Bis dahin aber erstmal danke für den Austausch.
Auf der erwähnten Route mit der kurzen Strecke von Afrika nach Sizilien sind auch in letzterer Zeit tausende von Menschen ertrunken.
Laut KI: seit 2014 über 34.000 Tote mit vermuteter hoher Dunkelziffer. 2025 wurden 2.185 Tote dokumentiert und allein in diesem laufenden Jahr 2026 sind es 1.413 Tote und Vermisste.