GAG570: Die Erfindung der Konservendose
Eine Geschichte über Nicolas Appert und die Hitzesterilisation
Im Jahr 1802 gründet Nicolas Appert in der Nähe von Paris die erste Konservenfabrik der Welt. Noch wird das Essen allerdings nicht in Dosen verkauft. Die Glasflaschen werden von Hand befüllt und sind teure Luxusware. Wir sprechen in der Folge darüber, wie Appert die Hitzesterilisation zwar erfindet und sein Verfahren in einem Buch veröffentlicht, andere Geschäftsleute aber die entsprechenden Patente anmelden und den Weg in den Massenmarkt ebnen.
Erwähnte Folgen
- GAG23: Ziemlich beste Feindschaft oder Die Anfänge der Bakteriologie – https://gadg.fm/23
- GAG324: Mit dem Ballon zum Nordpol – Andrées Polarexpedition von 1897 – https://gadg.fm/324
- GAG453: Pemmikan und der Pelzhandel in Nordamerika – https://gadg.fm/453
- GAG483: Bounty, Brotfrucht und die Rum-Rebellion – https://gadg.fm/483
- GAG126: Für immer im Eis – die Franklin Expedition – https://gadg.fm/126
- GAG531: Antonin Carême und die Geburt der modernen französischen Küche – https://gadg.fm/531
Literatur
- Uwe Spiekermann: Künstliche Kost: Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, 2018.
- John Coupland: Containing Nature: The Ongoing Invention of Canned Food, 2026.
- Nicolas Appert: Die Kunst alle thierische und vegetabilische Nahrungsmittel mehrere Jahre vollkommmen genießbar zu erhalten, 1810: https://play.google.com/books/reader?id=mMs6AAAAcAAJ&pg
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Mich beschäftigt vor allem Nicolas Appert. Er erfindet die Hitzesterilisation, veröffentlicht sein Verfahren sogar in einem Buch – und anschließend melden andere die Patente an und bringen die Sache in den Massenmarkt.
Das ist wirtschaftsgeschichtlich fast schon beruhigend. Eine gute Idee zu haben und von ihr zu profitieren, waren offenbar schon 1802 zwei völlig unterschiedliche Berufe.
Noch schöner ist, dass die ersten Konserven gar nicht in Dosen, sondern in handgefüllten Glasflaschen verkauft wurden und entsprechend teuer waren.
Man beginnt also mit Luxusware im Glas, entwickelt ein Verfahren zur jahrelangen Haltbarkeit – und endet irgendwann bei Ravioli für 1,49 Euro.
Fortschritt ist manchmal schwer würdevoll zu erzählen.
Wie immer eine sehr spannende Folge.
Da ihr Dennis Papin erwähnt: Der WDR hat zu ihm und den Dampfkochtopf erst vor wenigen Tagen ein Zeitzeichen veröffentlicht, was gut zu eurer Folge passt.
„Denis“
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/index.html#:~:text=dem%20Kessel%20bei-,Denis,-Papin
Vielen Dank für diese spannende Folge.
Was kann man mit einer leeren Konservendose machen? Ein Schnurtelefon oder einen Hobokocher!
Aus Wikipedia:
„Ein Hobokocher, auch Hobo-Ofen, ist ein kleiner, transportabler Ofen, der mittels des Kamineffekts funktioniert und als Feuer- und Kochstelle eingesetzt wird. Solche Geräte sind nach den Hobos, nordamerikanischen Wanderarbeitern, vor allem während der großen Depression, benannt. Eine Variante des Hobokochers wird von Hand als Einzelstück oder in Kleinstserie aus einer leeren Konservendose hergestellt, indem Löcher für Luftzufuhr und Brennstoff-Nachschub in die Wand der Dose geschnitten oder gebohrt werden. Heute wird die Bezeichnung „Hobokocher“ auch für industriell gefertigte Trekking-Holzkocher verwendet, die ebenfalls den Kamineffekt nutzen, jedoch meist völlig anders konstruiert sind.“
Zur Giftigkeit des Botulinumtoxins ein Zitat aus der Wikipedia. „Das Botulinumtoxin als giftigster bekannter Stoff…“
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gift#LD50-Tabelle_und_logarithmische_Gifte-Skala (unterhalb der Tabelle)
Das gibt dem Begriff „fies“ noch eine weitere Dimension. Aus diesem Grunde empfinde ich es mehr als gruselig sich Botox spritzen zu lassen. Oder um es mit Rammstein aus dem Lied „Zick Zack“ zu sagen: „…Botox rein bis ins Gehirn…“
Zur Behandlung von Botulismus: es gibt ein Antitoxin (also Gegengift), was aus Pferdeserum gewonnen wird und vor allem in der Frühphase der Erkrankung eingesetzt wird, weil es das Botulinum-Toxin neutralisiert. Schon bestehende Lähmungen macht es nicht rückgängig. Ansonsten hat die intensivmedizinische Behandlung u.a. zur Sicherung der Atmung zu einem deutlichen Rückgang der Sterblichkeit durch Botulismus geführt. Man kann also heutzutage schon ein bisschen was machen!
Vor dem Einzug der Wegwerfgesellschaft und bevor die Recyclingsysteme eingerichtet wurden, da wo sie funktionieren, hat die g e l e e r t e Konservendose auch Einfluss auf die Lebensbedingungen als ein wertvoller Rohstoff und Gegenstand gehabt, und hat lebensverändernd eine nützliche Verwendung gefunden, die vorher nicht gegeben war. Noch recht lange war es ein Privileg, sich Konservendosen leisten zu können, und möglicherweise ist das in manchen Gegenden der Welt heute noch so. Ich bin Anfang der 1950er Jahre in einem Armenviertel in Madrid geboren, wo man in kleinen, meist selbstgemauerten Baracken ohne Strom und fließendem Wasser lebte. Dort war man ganz scharf auf die leeren Dosen, die man in den Siedlungen des in Spanien stationierten US-amerikanischen Militärs weg geworfen hat. Selbst hätte man sich niemals solche leisten können. Da eine meiner Cousinen bei einer amerikanischen Familie als Dienstmädchen gearbeitet hat, hatten wir direkten Zugang. So wurde es möglich, eine wichtige Neuerung in unser Zuhause ein zu bauen: Aus ineinander gesteckten Dosen, aus denen man den Boden entfernt hatte, wurde eine kleine Kanalisation gebaut, die das Abwaschwasser vom Haus weg leitete. Andere Dosen wurden zu solchen Kochern, wie oben beschrieben, oder als Pflanztöpfe und überhaupt als Vorratsbehältnisse verwendet. Das Blech der Dosen wurde aufgeschnitten und flachgeklopft und konnte so als Verstärkung, Abdichtung oder zu sonstigen technischen Verbesserungen verwendet werden. Schuhsohlen wurden damit verstärkt. Die Erfindung der Dose hat sich also nicht nur auf die Ernährung ausgewirkt, sondern auch auf den alltäglichen Umgang mit technischen Problemlösungen. Unweit gab es ein Wohnviertel noch ärmerer Leute, es wurde das Blechbüchsenviertel genannt – el barrio de las latas – weil man sich dort die Behausungen nicht aus Ziegelsteinen, sondern aus allem was man so fand gebaut hat, und das Blech der Büchsen war ein entscheidender Baustoff um zum Beispiel Holzlatten miteinander zu verbinden.